Kurze Zusammenfassung
Das Video behandelt das Thema Schuld aus psychoanalytischer Sicht, basierend auf dem Buch "Guilt, a contemporary introduction" von Don Carveth. Es werden verschiedene Arten von Schuldgefühlen unterschieden, darunter bewusstes und unbewusstes, verfolgendes und reparatives Schuldgefühl. Der Vortragende erörtert, wie unbewusste Schuld sich in Leiden manifestieren kann und wie Menschen durch Selbstbestrafung oder "Selbstmordäquivalente" versuchen, diese Schuld zu begleichen. Abschließend wird die Rolle von Über-Ich und Gewissen beleuchtet und die Bedeutung der psychoanalytischen Therapie hervorgehoben, um Menschen aus dem paranoid-schizoiden Modus (PS) in den depressiv-reparativen Modus (D) zu führen.
- Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Schuld.
- Die Konzepte des verfolgenden und des reparativen Schuldgefühls nach Melanie Klein.
- Die Rolle von Über-Ich und Gewissen in Bezug auf Schuldgefühle.
- Psychoanalytische Therapie als Mittel zur Förderung der Reifung und des Übergangs vom PS- in den D-Modus.
Einführung in das Thema Schuld
Im Jahr 2023 veröffentlichte Don Carveth ein Buch mit dem Titel "Guilt, a contemporary introduction", das sich mit dem Thema Schuld auseinandersetzt. Psychoanalytiker haben sich in den letzten Jahrzehnten eher von diesem Thema abgewandt, obwohl Freud selbst viel dazu gesagt hat. Schuld ist ein unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn man etwas falsch gemacht hat, sei es in den Augen anderer oder in den eigenen Augen. Nietzsche sieht die Wurzeln der Schuld im Konzept der Schuld als Schulden. Wenn Kriminelle ihre Strafe verbüßt haben, haben sie ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft beglichen.
Unbewusste Schuld und ihre Manifestationen
Die Psychoanalyse interessiert sich mehr für unbewusste als für bewusste Schuld. Freud betont, dass Neurosen oft mit einem moralischen Faktor verbunden sind und dass Patienten unbewusst an ihrem Leiden festhalten, um sich selbst zu bestrafen. Diese unbewusste Schuld äußert sich nicht direkt als Schuldgefühl, sondern als Unbehagen, Unzufriedenheit oder psychosomatisches Leiden. Patienten wehren sich oft dagegen, ihr Unglück auf Schuld zurückzuführen. Menschen ertragen oft vermeidbares Leid, weil sie unbewusst glauben, es zu verdienen. Neurotiker vermeiden oft Gelegenheiten für Glück und suchen stattdessen Schmerz und Leid. Freud führt dies auf unbewusste Schuld zurück und spricht von Schuldäquivalenten oder -substituten.
Schuldäquivalente und Selbstmordäquivalente
Freud führt das Konzept des Schuldäquivalents ein, bei dem Leiden als Ersatz für das Gefühl von Schuld dient. Karl Menninger erweitert diese Idee und spricht von Selbstmordäquivalenten, bei denen Menschen anstelle von Selbstmord andere Bereiche ihres Lebens zerstören, wie Ehen, Karrieren oder ihre Gesundheit. Dies wird als eine Form des Opfers gesehen, um das Über-Ich zu beschwichtigen, das aufgrund unbewusster Schuld seinen Tribut fordert. Das Über-Ich wird als ein innerer Richter beschrieben, der uns leiden sehen will und uns zu Opfern drängt, um es zu befriedigen.
Bewusste vs. Unbewusste Schuld und die Rolle der Gesellschaft
Es gibt verschiedene Arten von Schuld, wobei die Hauptunterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Schuld liegt. Die Psychoanalyse konzentriert sich auf verdrängte und vermiedene Schuld. In einer narzisstischen Gesellschaft wird Schuld oft vermieden, was auch die Psychoanalyse beeinflusst hat. Carveth versucht, zu Freuds Einsichten zurückzukehren, insbesondere zu seinen Schriften über unbewusste Schuld und ihre Manifestationen wie Erfolgsangst. Neben der ödipalen Schuld gibt es auch prä-ödipale Schuld, die aus der Mutter-Kind-Beziehung stammt.
Verfolgende vs. Reparative Schuld
Melanie Klein und Leon Grinberg unterschieden zwischen verfolgender und reparativer Schuld. Diese Arten von Schuld sind mit zwei verschiedenen mentalen Positionen verbunden: der paranoid-schizoiden (PS) und der depressiv-reparativen (D) Position. In der PS-Position ist Schuld verfolgend und führt zu Selbstbestrafung. In der D-Position entwickelt man die Fähigkeit zur Sorge um andere, was zu reparativer Schuld und dem Versuch führt, Schaden zu beheben. Der Übergang in die D-Position bedeutet auch eine Hinwendung zu Reue und Wiedergutmachung.
Selbstbestrafung als Schuldausweichung und die Angst vor der depressiven Position
Selbstbestrafung kann als eine Abwehr gegen reparative Schuld dienen. Die paranoid-schizoide Position kann als eine Abwehr gegen den Übergang in die depressive Position fungieren. Für den Narzissten in der PS-Position ist der Übergang in die Welt der Sorge und der Auseinandersetzung mit Schuld eine Katastrophe. Er zieht ein Leben der Selbstbestrafung dem Schritt zu Geständnis, Reue und Wiedergutmachung vor.
Die Entwicklung des Über-Ichs und des Gewissens
Melanie Klein verlegte die Entstehung des Über-Ichs in die prä-ödipale Phase. Das Kind unterscheidet früh zwischen Lust und Schmerz, was zur Spaltung in ein gutes und ein schlechtes Selbstbild sowie ein gutes und ein schlechtes Objekt führt. Das Über-Ich entsteht aus der Introjektion des schlechten, verfolgenden Objekts, während das Gewissen aus der Introjektion des guten, nährenden Objekts entsteht. Das Über-Ich ist in Hass verwurzelt, während das Gewissen in Liebe verwurzelt ist.
Die Rolle der Liebe und die Entwicklung des Gewissens
Das Gewissen hat seine Wurzeln in der frühen PS-Position, entwickelt sich aber weiter, wenn man in die depressiv-reparative Position übergeht. Es hat eine biologische Basis, wird aber durch die Identifikation mit Bezugspersonen aufgebaut. Wenn wir geliebt wurden, lernen wir, was Liebe ist, und fühlen uns verpflichtet, Liebe zurückzugeben. Wenn wir dies versäumen, meldet sich unser Gewissen und macht uns anfällig für Angriffe des Über-Ichs.
Psychoanalytische Therapie als Weg zur Reife
Die psychoanalytische Therapie zielt darauf ab, Menschen zu helfen, die im PS-Modus feststecken und sich nicht in den D-Modus entwickeln konnten. Sie bietet einen sicheren Raum, in dem Wachstum und Reifung wieder aufgenommen werden können. Dies beinhaltet eine radikale Transformation von einem Leben, das auf Hass und Leid zentriert ist, zu einem Leben, das auf Liebe und Wiedergutmachung basiert. Es geht darum, unnötiges Leid zu überwinden, das durch eine Fixierung in der paranoid-schizoiden Welt entsteht.
Anwendung der Konzepte auf soziopolitische Fragen
Die beiden Positionen (PS und D) können verwendet werden, um soziopolitische Fragen zu verstehen. Die Welt des PS ist eine totalitäre Welt mit einer Tyrannei des autoritären Über-Ichs, während die Welt des D eine demokratische Welt ist, in der Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen können. Die Vermeidung von Schuld in der Gesellschaft hat zu einer Situation geführt, in der pathologische Narzissten an die Macht kommen konnten. Die Psychoanalyse hat nicht ausreichend geholfen, dies zu verstehen, da sie sich von den Einsichten in die Dynamik von Schuld und Selbstbestrafung abgewandt hat.
Weitere Unterscheidungen bei Schuldgefühlen
Neben den Hauptunterscheidungen gibt es auch gerechtfertigte und ungerechtfertigte Schuld. Ein Teil der therapeutischen Aufgabe besteht darin, diese zu unterscheiden. Einige Psychologen haben fälschlicherweise geschlossen, dass alle Schuld ungerechtfertigt ist, was jedoch nicht zutrifft. Verfolgende Schuld ist schlecht, aber reparative Schuld ist gut und notwendig. Es gibt auch Überlebensschuld, existenzielle Schuld und kollektive Schuld.
Existenzielle und Kollektive Schuld
Existenzielle Schuld entsteht durch die unvermeidlichen Dilemmata des Lebens, bei denen man Schuld auf sich lädt, egal wie man sich entscheidet. Kollektive Schuld entsteht aus der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die Fehlverhalten begangen hat. Die kollektive Schuld der deutschen Nation nach dem Zweiten Weltkrieg und die mögliche kollektive Schuld in Amerika nach der Amtszeit von Trump werden als Beispiele genannt.
Die Bedeutung des Zuhörens mit dem dritten Ohr
Viele Psychotherapeuten haben sich von der Auseinandersetzung mit Schuld abgewandt und wissen nicht mehr, wie man mit dem dritten Ohr zuhört, um unbewusste Inhalte zu erkennen. Therapeuten sollten in der Lage sein, zu erkennen, dass Gefühle von Leere und Bedeutungslosigkeit auf verdrängte Schuld zurückzuführen sein können. Die psychoanalytische Literatur der 1920er bis 1940er Jahre bietet wertvolle Einblicke in diese Dynamiken.
Verteidigung gegen das Über-Ich und Kompromittierung der Integrität
Leo Rangell untersuchte das Syndrom der Kompromittierung der Integrität und wies darauf hin, dass Abwehrmechanismen nicht nur gegen die Triebe des Es, sondern auch gegen das Über-Ich und das Gewissen gerichtet sein können. Dies führt zu einem Verlust der Integrität, der in vielen Bereichen der Gesellschaft zu beobachten ist.

