Kurze Zusammenfassung
Das Video ist ein Gespräch mit Hans-Joachim Maaz, einem Psychiater und Autor, über die psychologischen und gesellschaftlichen Ursachen von Krieg, Narzissmus, Leistungsdruck und die Möglichkeit, eine bessere Zukunft zu gestalten.
- Kriege entstehen durch aufgestaute Gefühle und Traumata in der Gesellschaft.
- Narzissmus ist eine Folge von fehlender Selbstbestätigung in der Kindheit.
- Die Leistungsgesellschaft kann krank machen, wenn Leistung zur Sucht wird.
- Krisen bieten die Chance zur Veränderung und Besinnung.
Einleitung
Jasmin Kosubek stellt Hans-Joachim Maaz vor, einen Psychiater und Autor, der für sein Buch "Der Gefühlsstau" bekannt ist. Maaz wurde mit dem Mind Award für sein Engagement für Bildung, Bewusstsein, Kunst und Frieden ausgezeichnet. Er äußert sich besorgt über die gegenwärtige Lage in Deutschland und die zunehmende Befürwortung von Krieg.
Was führt eine Gesellschaft in den Krieg?
Maaz erklärt, dass Kriege aus aufgestauten, oft aggressiven Gefühlen entstehen, die auf frühe Kränkungen und Traumatisierungen zurückzuführen sind. Diese Gefühle dürfen nicht ausgedrückt werden, was zu einem "Gefühlsstau" führt, der Menschen krank macht. Wer nicht krank wird, ist gezwungen, seine Gefühle sozial auszutragen. Er betont die Notwendigkeit, politische Entscheider, die Kriege anordnen, zur Rechenschaft zu ziehen, da sie für das Leid vieler Menschen verantwortlich sind.
Wird der Krieg gebraucht?
Maaz ist der Überzeugung, dass die Mehrheit der Menschen heute ein "falsches Leben" führt, indem sie Erwartungen erfüllt, um Anerkennung zu erhalten, anstatt ihren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu folgen. Dieses falsche Leben führt zu inneren Konflikten und Krisen. In einer narzisstischen Gesellschaft kann dieses falsche Leben lange Zeit erfolgreich sein, bis es zu Problemen wie Depressionen oder Herzinfarkten kommt.
Wie konnte die russische Gesellschaft in den Krieg geführt werden?
Maaz erklärt, dass die Kluft zwischen der politischen und wirtschaftlichen Elite und der Bevölkerung in Russland vorhanden ist. Er betont, dass Kriegspropaganda die Wahrheit verzerrt und es schwierig macht, die Hintergründe des Konflikts zu verstehen. Er analysiert, dass junge Männer, die freiwillig in den Krieg ziehen, oft unter einem "Gefühlsstau" leiden und Krieg als Ventil für aufgestaute Aggressionen nutzen.
Der Begriff "toxische Männlichkeit" – Können Männer das Mannsein noch ausleben?
Maaz kritisiert den Begriff "toxische Männlichkeit" als feministischen Kampfbegriff, der das Männliche abwertet. Er betont, dass Männlichkeit, also Aktivität, Kraft und Selbstbehauptung, positiv oder negativ verwendet werden kann. Die Gesellschaft hat eine "toxische Männlichkeitsentwicklung" durchgemacht, indem sie eine finanzkapitalistische Gesellschaft geschaffen hat, die auf Gewinn und Profit ausgerichtet ist und nicht auf Beziehungen und Menschlichkeit.
Leben wir in einem Patriarchat?
Maaz erklärt, dass die Gesellschaft äußerlich patriarchalisch erscheint, aber im Kern von den Eigenschaften einer kapitalistischen Gesellschaft geprägt ist. Er betont die Entfremdung der Menschen von ihren wahren Bedürfnissen und die frühe Frustration, die dazu führt, dass sie ein "falsches Leben" führen. Die Krise der Gesellschaft zeigt sich in Umweltproblemen, finanziellen Schwierigkeiten und sozialer Unsicherheit.
Das Feminine und Maskuline
Maaz betont, dass es sowohl feminine Männer als auch maskuline Frauen gibt, aber es gibt auch klassische Eigenschaften, die als feminin und maskulin bezeichnet werden können. Er erklärt, dass Testosteron zu Aktivität antreibt, während weibliche Hormone wie Oxytocin für Vertrauen und liebevolle Gefühle stehen. Er hält die Behauptung, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion sei, für falsch und gefährlich.
Sind wir alle Narzissten?
Maaz erklärt, dass es einen gesunden Narzissmus gibt, der für Selbstliebe und Selbstbestätigung steht. Narzisstische Störungen entstehen, wenn Kinder nicht die notwendige Anerkennung und Bestätigung erhalten. Dies führt zu einem Minderwertigkeitsgefühl, das durch gesteigerte narzisstische Ansprüche kompensiert werden muss. Er unterscheidet zwischen Größen- und Kleinen Narzissmus, wobei letzterer durch betontes Kleinbleiben und Bedürftigkeit die elterliche Zuwendung sucht.
Die Mecker-Gesellschaft oder warum jammern wir?
Maaz erklärt, dass Meckern und Jammern ein Abfluss von aufgestauten Gefühlen sind. Menschen im "Gefühlsstau" suchen Anlässe, um sich aufzuregen und Sündenböcke zu finden. Er betont, dass es wichtig ist, zwischen realen Problemen und dem "Gefühlsstau" zu unterscheiden, der auf die jetzige Situation übertragen wird.
Ist die Leistungsgesellschaft per se schlecht?
Maaz erklärt, dass Leistung normal, gesund und befriedigend ist, solange sie nicht zur Sucht wird. Die Anforderung an Leistung wird pervertiert, wenn der natürliche Kontakt zwischen Anspannung und Entspannung nicht mehr eingehalten wird. Er kritisiert eine finanzkapitalistische Entwicklung, die Profit und Betrug in den Mittelpunkt stellt.
Fragen aus der Community
Maaz empfiehlt, Kinder von Anfang an anders zu behandeln, indem man ihnen Anerkennung, Bestätigung und Liebe gibt und sie nicht von sich selbst entfremdet. Er empfiehlt "Beziehungskulturen" und "Zwiegespräche" als Kommunikationsformen, um Konflikte zu lösen und Verständnis zu fördern. Er betont, dass es wichtig ist, die Bereitschaft zur Verständigung zu prüfen, bevor man ein Gespräch beginnt, und empfiehlt, sich aus dem Feld zu ziehen, wenn keine Bereitschaft besteht. Er sieht in der Krise eine Chance, innezuhalten und zu erkennen, was in der Gesellschaft "normopathisch" geworden ist.

