Kurze Zusammenfassung
Die Dokumentation untersucht, wie moderne Technologien wie Informatik, Arealogie und Phylogenetik verwendet werden, um alte Mythen zu rekonstruieren und zu verstehen, wie sie sich mit menschlichen Migrationen und Kulturen entwickelt haben. Jean-Louis Le Quellec, ein Experte auf diesem Gebiet, erklärt, wie Mythen als Geschichten dienen, die grundlegende Fragen der Menschheit beantworten und wie die vergleichende Mythologie und die Analyse der geografischen Verteilung von Mythen Einblicke in die Ursprünge und die Entwicklung dieser Erzählungen geben.
- Mythen beantworten grundlegende Fragen der Menschheit und geben dem Leben einen Sinn.
- Die vergleichende Mythologie und Arealogie helfen, die Verbreitung und Entwicklung von Mythen zu verstehen.
- Phylogenetik ermöglicht die Rekonstruktion der Geschichte von Mythen und deren Verbindung zur menschlichen Geschichte.
- Die Analyse von Höhlenmalereien im Zusammenhang mit dem Mythos der ursprünglichen Entstehung bietet neue Interpretationen prähistorischer Kunst.
Einleitung: Die Macht der Mythen
Mythen versuchen seit jeher, die großen Fragen der Menschheit nach dem Ursprung der Welt und dem Leben nach dem Tod zu beantworten. Jean-Louis Le Quellec erklärt, dass neue Technologien es ermöglichen, die ältesten Mythen der Menschheit zu rekonstruieren und zu verstehen, wie ihre Entwicklung mit den menschlichen Wanderungen einhergeht.
Was ist ein Mythos?
Jean-Louis Le Quellec erklärt, dass ein Mythos eine Geschichte ist, die eine Wahrheit über die Welt enthüllt, indem sie sich auf ein einzigartiges Ereignis in der fernen Vergangenheit bezieht. Diese Geschichten beantworten grundlegende Fragen wie die Entstehung der Welt, die Existenz der Menschen und das, was nach dem Tod geschieht. Ein Mythos beschreibt einen früheren Zustand der Welt, ein Ereignis, das diesen Zustand verändert, und rechtfertigt so den gegenwärtigen Zustand der Welt.
Die Morphologie des Mythos von der Sintflut
Es gibt weltweit etwa 700 Erzählungen über die Sintflut. Die biblische Version, in der eine 40-tägige Regenflut die Welt überschwemmt, ist nur eine von vielen. Viele dieser Erzählungen sprechen nicht von Regen, sondern von einer doppelten Schöpfung, bei der eine Gottheit die Menschheit erschafft und sie dann wegen ihres schlechten Verhaltens vernichtet, entweder durch eine Flut oder durch andere Mittel wie Feuer.
Vergleichende Mythologie und der Einfluss der Informatik
Die vergleichende Mythologie vergleicht verschiedene Erzählungen, um festzustellen, wie ähnliche Geschichten in verschiedenen, nicht miteinander in Kontakt stehenden Kulturen entstanden sind. Die Verbreitung von Mythen hängt mit der Ausbreitung der Menschen über den Globus zusammen. Die Informatik hat die vergleichende Mythologie revolutioniert, indem sie es ermöglicht, Tausende von Erzählungen zu vergleichen. Geschichten werden in kleine Fragmente, sogenannte Motive oder Mytheme, zerlegt und in Computercode übersetzt, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zu analysieren.
Arealogie und Phylogenetik: Die Werkzeuge zur Rekonstruktion von Mythen
Die Arealogie untersucht die geografische Verteilung von Mythen, um Fragen zu stellen, die sonst nicht möglich wären. Zum Beispiel findet sich der Mythos vom kosmogonischen Taucher, der auf den Grund des Urozeans hinabtaucht, um den ersten Schlamm zu holen, aus dem die Kontinente entstehen, nur in Nordamerika und im nördlichen Eurasien. Die Phylogenetik vergleicht die genetischen Codes von Lebewesen, um ihre Entwicklung zu rekonstruieren. Diese Technik kann auch auf kulturelle Elemente angewendet werden, indem man sie in Codezeilen umwandelt und so einen Stammbaum der Mythen erstellt.
Die Verbindung zwischen Mythos und Menschheitsgeschichte
Durch die Anwendung von Algorithmen wird deutlich, dass die Geschichte der Mythen mit der Menschheitsgeschichte übereinstimmt. Die Verteilung bestimmter Mythen entspricht dem, was über die Besiedlung des Globus bekannt ist. Beispielsweise kann ein Mythos, der in Australien und Afrika vorkommt, seinen Ursprung in Afrika haben, was mit den ersten Auswanderungen aus Afrika vor etwa 100.000 Jahren übereinstimmt.
Die Widerstandsfähigkeit der Mythen im Laufe der Zeit
Mythen reisen durch Raum und Zeit und werden immer wieder transformiert. Ein Beispiel ist die Geschichte der zwei Brüder, die im alten Ägypten aufgezeichnet und im 19. Jahrhundert in der Bretagne gesammelt wurde. Die Bibel, obwohl sie als uralt gilt, ist eigentlich eine Sammlung relativ junger Mythologien.
Die ursprüngliche Höhle: Mythen und Höhlenkunst
Jean-Louis Le Quellec hat die Phylogenetik genutzt, um eines der großen Rätsel der menschlichen Kultur zu lösen: die Höhlenkunst. Er schlägt vor, dass die Motivation für die Malereien in den Höhlen mit der Mythologie zusammenhängt, insbesondere mit dem Mythos der ursprünglichen Entstehung. Dieser Mythos besagt, dass Menschen und Tiere ursprünglich unter der Erde in Dunkelheit lebten und durch eine Höhle in die äußere Welt gelangten. Die Darstellungen von Tieren und animalisierten Menschen in den Höhlen könnten mit diesem Mythos in Verbindung stehen.
Der Mythos der ursprünglichen Entstehung und die kontinuierliche Schöpfung
Der Mythos der ursprünglichen Entstehung besagt, dass Menschen und Tiere ursprünglich unter der Erde lebten und durch eine Öffnung, eine Höhle, in die äußere Welt gelangten. In dieser unterirdischen Welt gab es keine Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren. Die Höhlenmalereien könnten Teil eines Rituals gewesen sein, um die Schöpfung kontinuierlich zu erneuern. Dieses Ritual wird auch heute noch in verschiedenen Teilen der Welt praktiziert, wo Menschen zu den Ursprungshöhlen zurückkehren, um Riten durchzuführen.
Die Entstehung neuer Mythen: Der Mythos vom Cargo
Neue Mythen entstehen auch heute noch, wie der Mythos vom Cargo, der in Papua-Neuguinea während der Kolonialisierung entstand. Dieser Mythos erklärt, wie die Einheimischen versuchten, die Ankunft von Gütern durch Flugzeuge nachzuahmen, indem sie Flugplätze und Kontrolltürme bauten und Rituale durchführten, um die Gottheit, den Cargo (das Flugzeug), anzuziehen.
Die Funktion der Mythen in der menschlichen Gemeinschaft
Mythen geben der Welt einen Sinn und rechtfertigen den gegenwärtigen Zustand. Sie sind beruhigende Begleiter, die Antworten auf grundlegende Fragen geben. Es gibt keine menschliche Kultur ohne Mythen, was zeigt, dass die Notwendigkeit, diese großen Fragen zu beantworten, universell ist.
Schlussfolgerung
Mythen sind wie Lebewesen, die geboren werden, wandern und sich vermehren. Die Informatik ermöglicht es, Tausende von Erzählungen zu vergleichen und so Antworten auf bisher unlösbare Fragen zu finden. Die Erforschung der Mythen lehrt uns viel über unsere Spezies und ermöglicht es uns, die Ursprünge einer Menschheit zu erfassen, die durch diese großen Erzählungen vereint ist.

