Studium Generale HSPF – Prof. Dr. Mario Schmidt: „1,5-Grad-Ziel verfehlt – und jetzt?“

Studium Generale HSPF – Prof. Dr. Mario Schmidt: „1,5-Grad-Ziel verfehlt – und jetzt?“

Kurze Zusammenfassung

Der Vortrag "Klimawende – Realistisch oder Utopie?" von Prof. Dr. Mario Schmidt analysiert die aktuelle Klimapolitik und ihre Ziele kritisch. Er betont, dass die Zeit eine entscheidende Rolle spielt und sowohl Klimaleugner als auch Klimaaktivisten deren Bedeutung oft nicht ausreichend berücksichtigen. Schmidt argumentiert, dass es beim Klimaschutz eigentlich um Menschenschutz geht und dass die derzeitigen Klimaziele unrealistisch sind, da sie die sozialen und politischen Implikationen nicht ausreichend berücksichtigen. Er zeigt die globalen Temperaturveränderungen und den Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre auf und erklärt die komplexen Kohlenstoffkreisläufe. Trotz einiger Erfolge bei neuen Technologien und dem Ausbau erneuerbarer Energien warnt er vor den begrenzten Möglichkeiten und den steigenden globalen Emissionen. Abschließend fordert er mehr Flexibilität in der Klimapolitik, eine stärkere Wirtschaft und global koordinierte Maßnahmen, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu bewältigen.

  • Die Zeit ist ein entscheidender Faktor im Klimawandel, der oft unterschätzt wird.
  • Klimaschutz ist eigentlich Menschenschutz, da wir uns vor den Folgen der schnellen Veränderungen schützen müssen.
  • Die derzeitigen Klimaziele sind unrealistisch und berücksichtigen soziale und politische Implikationen nicht ausreichend.

Einführung

Professor Schmidt beginnt seinen Vortrag mit einem Verweis auf ein Gutachten, das er 1992 für Heidelberg erstellt hat. Er merkt an, dass die darin enthaltenen Ziele für 2005 und 2020 inzwischen in der Vergangenheit liegen und fragt sich, was geschehen wäre, wenn man damals aktiver geworden wäre. Er betont, dass der Begriff "Klimawende" ein Wortspiel aus Energiewende und Klimawandel ist, wobei die Zeit eine entscheidende Rolle spielt. Als Naturwissenschaftler und Astrophysiker betont er, dass Veränderungen in der Natur und auf der Erde ständig stattfinden, auch in Bezug auf das Klima.

Akt 1: Die Veränderungen

Schmidt zeigt eine Animation, die die globalen Temperaturveränderungen seit 1880 darstellt. Diese zeigt, dass es seit den 1960er und 1970er Jahren eine deutliche Zunahme der globalen Durchschnittstemperaturen gibt. Er präsentiert Daten des Deutschen Wetterdienstes, die zeigen, dass Hitzewellen in deutschen Städten seit 1990 zugenommen haben und die Durchschnittstemperaturen in Deutschland um 1,9°C gestiegen sind. Er verweist auf Extremereignisse wie die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und den Bergsturz von Platten in der Schweiz als Beispiele für die Auswirkungen des Klimawandels. Die Münchner Rückversicherung bestätigt, dass der Klimawandel sich bemerkbar macht, was sich in zunehmenden versicherten und unversicherten Schäden zeigt.

Akt 2: Die Wissenschaftliche Erklärung

Schmidt erklärt, dass Kohlendioxid (CO2) und andere Treibhausgase hauptsächlich für die Erwärmung verantwortlich sind. Er zeigt die berühmte Keeling-Kurve, die seit den 1950er Jahren den Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre dokumentiert. Der CO2-Gehalt ist um etwa ein Drittel gestiegen, was den Treibhauseffekt verstärkt. Er präsentiert historische Daten, die zeigen, dass die CO2-Konzentrationen in den letzten 800.000 Jahren nie so hoch waren wie heute. Anhand einer Grafik erläutert er die Kohlenstoffkreisläufe und die Rolle von Kohle, Erdöl und Erdgas als Kohlenstoffspeicher, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden. Er warnt vor Kipppunkten wie dem Auftauen des Permafrostbodens und der Versauerung der Meere. Simulationsmodelle bestätigen, dass der Mensch die Hauptursache für den Temperaturanstieg ist. Er zeigt verschiedene Emissionsszenarien bis zum Jahr 2100 und deren Auswirkungen auf die globale Temperatur und den Meeresspiegelanstieg. Selbst bei Einhaltung der Pariser Klimaziele ist ein Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern in den nächsten Jahrtausenden unvermeidlich.

Akt 3: Was Wir Tun, Umzusteuern

Schmidt erklärt, dass das Pariser Klimaabkommen von 2015 das Ziel setzt, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Um dies zu erreichen, müssten die Emissionen bis 2030 um 45 % reduziert und bis 2050 auf null gesenkt werden. Er zeigt, dass Deutschland seit den 1990er Jahren seine Emissionen reduziert hat, aber die Ziele für 2030 sind dennoch ambitioniert. Global betrachtet sind die Emissionen jedoch weiterhin hoch. Er nennt verschiedene Ansatzpunkte zur Reduktion von Emissionen in den Bereichen Strom, Verkehr, Bau, Industrie und Landwirtschaft. Trotz vieler Erfolgsmeldungen, wie dem rasanten Wachstum neuer Technologien und dem Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien, gibt es noch große Herausforderungen. China baut massiv Solarkraft aus, aber auch Kohlekraftwerke.

Akt 4: Retardierendes Moment

Schmidt zeigt, dass trotz des exponentiellen Anstiegs der installierten Photovoltaik-Leistung noch enorme Anstrengungen erforderlich sind, um die Klimaziele zu erreichen. Bis zum Jahr 2100 wären weltweit zwischen 80 und 170 Terawatt Peakleistung an Photovoltaik nötig, was jährliche Installationskosten von 300 bis 600 Milliarden Dollar verursachen würde. Er betont, dass die globalen Emissionen trotz aller Bemühungen weiter ansteigen. Die Zunahme der Emissionen im Jahr 2024 ist vor allem auf die Landnutzungsänderung (Abholzung der Regenwälder) sowie auf Indien und China zurückzuführen. Nur die Europäische Union hat ihre Emissionen reduziert. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass sich die Erde bei Fortsetzung der aktuellen Politik um 2,8°C erwärmen wird.

Akt 5: Welche Strategien Helfen?

Schmidt erläutert verschiedene Ansätze zur Emissionsbilanzierung: produktbezogene Ökobilanzen, konsumbezogene Bilanzen und territorialbezogene Bilanzen. Die territorialbezogenen Bilanzen sind relevant für die internationalen Verhandlungen, berücksichtigen aber nicht die Emissionen, die durch Import und Export entstehen. Er zeigt am Beispiel von Aluminium, dass die Verlagerung der Produktion ins Ausland (z.B. nach China) zwar die deutsche Territorialbilanz verbessert, aber das globale Klima belastet, da die Produktion dort emissionsintensiver ist. Er nennt weitere Beispiele, wie die Verlagerung der chemischen Industrie oder der Import von Rindersteaks, die ähnliche Effekte haben. Er diskutiert die Motive für das Festhalten an den Klimaneutralitätszielen in Deutschland: den faktischen Ansatz, den pädagogischen Ansatz, den moralischen Ansatz und den regelungsgetriebenen Ansatz. Er kritisiert die mangelnde Flexibilität in der deutschen Klimapolitik und die Kakophonie der Klimaschutzinstrumente. Er plädiert für einen stärkeren Schutz der Regenwälder und eine kohärentere Gestaltung der staatlichen Steuerungsinstrumente.

Epilog

Schmidt schließt seinen Vortrag mit einem pessimistischen Ausblick. Er zeigt drei mögliche Zukunftsszenarien: eine saubere, klimafreundliche und wohlhabende Welt, eine globale Verelendung mit Hungersnöten und Migrationsströmen, und eine Zukunft, in der wir uns an den Klimawandel anpassen und mit seinen Folgen leben müssen. Er hält das letzte Szenario für das wahrscheinlichste und betont, dass wir uns auf weitreichende Veränderungen einstellen müssen.

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