Studium Generale HSPF – Prof. Dr. Mathias Jucker: „Alzheimer – Forschung gegen das Vergessen“

Studium Generale HSPF – Prof. Dr. Mathias Jucker: „Alzheimer – Forschung gegen das Vergessen“

Kurze Zusammenfassung

Der Vortrag von Professor Matthias Jucker behandelt die Alzheimer-Krankheit und bietet Einblicke in die aktuelle Forschung, Diagnose, Therapie und Prävention. Er betont, dass Alzheimer bereits 20 Jahre vor den ersten Symptomen im Gehirn beginnt und dass die Forschung dank der Beteiligung von Familien mit genetisch bedingter Alzheimererkrankung große Fortschritte gemacht hat.

  • Alzheimer beginnt lange vor den ersten Symptomen.
  • Genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle.
  • Prävention durch gesunden Lebensstil und Impfungen kann das Risiko verringern.

Begrüßung und Einführung

Professor Kleine Gunk sprach vor einem Jahr über Langlebigkeit und betonte, dass das Alter ein Risikofaktor für Krankheiten wie Demenz ist. Die Lebenserwartung ist gestiegen, was die Bedeutung der Alzheimer-Krankheit erhöht. Weltweit leben fast 60 Millionen Menschen mit Demenz, und jährlich gibt es 10 Millionen Neuerkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt Demenz die siebthäufigste Todesursache. Professor Matthias Jucker wird über die Forschungsergebnisse zu Diagnose und Behandlung von Alzheimer berichten.

Vorstellung von Professor Matthias Jucker

Matthias Jucker ist ein Schweizer Neurowissenschaftler und Direktor am Herti Institut für klinische Hirnforschung der Universität Tübingen. Seine Forschung konzentriert sich auf die zellulären und molekularen Mechanismen der Hirnalterung und altersbedingter neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere der Alzheimer-Krankheit. Er studierte und promovierte an der ETH Zürich und forschte am National Institute on Aging in Baltimore und an der Universität Basel. Jucker hat zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeit erhalten, darunter den Zenit Fellows Award der Alzheimer Association und den Hamburger Wissenschaftspreis für Demenzforschung.

Einleitung zum Thema Alzheimer

Professor Jucker erklärt, dass er über die Alzheimer-Krankheit, Diagnose, Therapie und Prävention sprechen wird. Er betont, dass er kein Arzt ist und seine Aussagen nicht als medizinische Ratschläge verstanden werden sollen. Er verzichtet darauf, die klinischen Aspekte der Krankheit detailliert zu beschreiben, da die meisten Zuhörer bereits mit der Erkrankung vertraut sind. Stattdessen zeigt er einen kurzen, heiteren Filmausschnitt, um das Thema aufzulockern, und verweist auf weitere Medien wie das Buch "Small World" von Martin Sutter und den Film "Still Alice", die unterschiedliche Aspekte der Alzheimer-Krankheit beleuchten.

Was ist die Alzheimer-Krankheit?

Ein gesundes Gehirn wird mit einem Alzheimer-Gehirn verglichen, das geschrumpft ist und große Ventrikel aufweist. Typisch für Alzheimer sind braune Amyloid-Plaques und neurofibrilläre Tangles, die durch Tau-Proteine verursacht werden. Amyloid lagert sich um die Nervenzellen ab, während Tau in den Nervenzellen vorkommt. Das Vorhandensein beider Strukturen in hohem Ausmaß führt zum Absterben von Nervenzellen und zur Definition der Alzheimer-Krankheit. Bereits Alis Alzheimer zeigte ähnliche Bilder seiner Patientin vor über 120 Jahren. Trotz Fortschritten in anderen Bereichen ist die Alzheimer-Krankheit immer noch nicht heilbar.

Alter und Alzheimer

Das Alter ist ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Alzheimer. Mit 65 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 1 %, mit 90 Jahren steigt sie auf 23-31 %. Da die Altersverteilung sich verändert hat und es mehr ältere Menschen gibt, gibt es auch mehr Alzheimer-Patienten. Ein weiteres Problem ist, dass Tiere keine Alzheimer-Krankheit entwickeln, was die Forschung erschwert.

Die Entdeckung des Beta-Amyloids

Vor etwa 30-40 Jahren wurde das Beta-Amyloid-Eiweiß entdeckt, ein 40 Aminosäuren langes Eiweiß, das sich im Gehirn ablagert. Es entsteht als Bruchstück eines viel längeren Eiweißes, das in jeder Zelle produziert wird. Molekulare Scheren schneiden dieses Eiweiß, und wenn zu viel davon freigesetzt oder zu wenig abgebaut wird, lagert es sich ab. Es ist jedoch unklar, ob dieses Eiweiß die Ursache der Alzheimer-Krankheit ist oder nur eine Reaktion des Körpers.

Familiäre Alzheimer-Krankheit

Es gibt Familien mit Genveränderungen, die mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit an ihre Nachkommen weitergegeben werden. Diese Nachkommen entwickeln fast sicher im Alter zwischen 40 und 50 Jahren Alzheimer. In Deutschland gibt es eine Familie, bei der die Krankheit bereits im Alter von 25 bis 28 Jahren ausbricht. Die Untersuchung dieser Familien hat gezeigt, dass die Genveränderungen entweder die Scheren betreffen, die das Amyloid-Eiweiß schneiden, oder das Eiweiß selbst. Diese Mutationen führen dazu, dass mehr Amyloid produziert wird, was zur Entstehung von Amyloid-Plaques führt.

Weltweite Studie mit Alzheimer-Familien

Eine weltweite Studie untersucht Familien mit Genveränderungen, die unweigerlich zu Alzheimer führen. In Tübingen und München gibt es etwa 100 solcher Familien. Diese Familien sind für die Forschung von großer Bedeutung, da fast alle Erkenntnisse über Alzheimer auf ihren Beiträgen beruhen. Durch die Untersuchung dieser Familien konnte festgestellt werden, dass Veränderungen im Nervenwasser und im Blut bereits 20 bis 25 Jahre vor den klinischen Symptomen festgestellt werden können. Auch der Nervenzellverlust kann 5 bis 10 Jahre vorher festgestellt werden.

Alzheimer beginnt lange vor den Symptomen

Alzheimer beginnt mindestens 20 Jahre vor den klinischen Symptomen. Dies wurde durch die Untersuchung von Familien mit genetisch bedingter Alzheimererkrankung festgestellt. Eine bildliche Darstellung zeigt, wie sich die Amyloid-Pathologie über 20 Jahre im Gehirn ausbreitet. Dies erklärt, warum Menschen, die bei einer Autopsie Alzheimer-Plaques im Gehirn aufweisen, zu Lebzeiten keine Symptome zeigten.

Tiermodelle und Prionenhypothese

Durch die Übertragung der Genveränderung einer schwedischen Familie auf Mäuse konnten Tiermodelle entwickelt werden, die Alzheimer-Plaques entwickeln. Diese Modelle haben wesentlich zur Alzheimerforschung beigetragen. Die Prionenhypothese besagt, dass sich ein missgefaltetes Eiweiß an gesunde Eiweiße anlagert und diese ebenfalls missfaltet, ähnlich wie bei Prionenerkrankungen. Dies führt zur Ausbreitung der Krankheit im Gehirn.

Diagnose der Alzheimer-Krankheit

Früher erfolgte die Diagnose durch Gedächtnistests und eine Autopsie zur Bestätigung. Heute gibt es zahlreiche Diagnosemöglichkeiten, darunter Gedächtnistests, Liquordiagnostik (Nervenwasseranalyse), Bildgebung (PET-Scans) zur Darstellung von Amyloid- und Tau-Ablagerungen sowie MRT zur Beurteilung der Hirnstruktur. In naher Zukunft werden Bluttests und digitale Technologien wie Wearables und Smartphones eine noch frühere Diagnose ermöglichen.

Zukünftige Diagnose und Nomenklatur

In Zukunft könnte die Alzheimer-Krankheit nur noch als A (Amyloid), T (Tau) oder N (Nervenzellverlust) bezeichnet werden. Dies würde die Forschung erleichtern, da Medikamente gezielt auf diese Faktoren entwickelt und getestet werden könnten, ähnlich wie bei Cholesterin und Statinen. Klinische Studien könnten verkürzt werden, da der Fokus auf der Reduzierung von Amyloid, Tau oder Nervenzellverlust liegen würde.

Therapie der Alzheimer-Krankheit

Die Entwicklung einer kausalen Therapie ist schwierig. Der Versuch, die Scheren zu blockieren, die das Amyloid-Eiweiß schneiden, scheiterte, da diese Scheren auch andere Proteine schneiden. Antikörper gegen das Amyloid-Eiweiß zeigten in Studien zwar eine Reduktion der Plaques, aber nur eine geringe Verbesserung der Symptome (30 % weniger schlecht). Dennoch sind diese Antikörper in Deutschland auf dem Markt und stellen einen wichtigen Fortschritt für die Forschung dar.

Aktuelle Antikörpertherapie und zukünftige Studien

Die aktuellen Studien wurden an Patienten mit bereits fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit durchgeführt. Zukünftige Studien werden mit Personen durchgeführt, bei denen das Risiko besteht, in 20 Jahren an Alzheimer zu erkranken. Ziel ist es, die Medikamente möglichst frühzeitig einzusetzen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. In drei bis vier Jahren sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen in der Therapie

Die aktuelle Antikörpertherapie stellt einen bedeutenden Fortschritt dar, greift aber nur in den Krankheitsverlauf ein und lindert nicht die Symptome vollständig. Die Medikamente werden als Infusion verabreicht, was aufwendig ist und Nebenwirkungen haben kann. Zukünftig werden Bluttests und digitale Technologien eine einfachere Verlaufsverfolgung ermöglichen. Subkutane Injektionen alle drei Monate könnten die Behandlung erleichtern. Eine biologische Diagnose der Alzheimer-Krankheit könnte die Forschung weiter voranbringen.

Prävention der Alzheimer-Krankheit

Das wichtigste Ziel ist die Prävention. Ein gesunder Lebensstil spielt eine entscheidende Rolle. Die Genetik beeinflusst das Risiko zu über 50 %. Risikofaktoren wie das Apolypoprotein E (insbesondere die E4-Variante) können getestet werden. Interessanterweise gibt es Ausreißer in Familien mit genetisch bedingter Alzheimererkrankung, die trotz Gendefekt nicht erkranken.

Risikofaktoren und Impfungen

Ein gesunder Lebensstil mit guter Ausbildung, Vermeidung von Hörverlust, Depressionen, Hirntraumata, Sport, Diabetes, Rauchen, sozialer Isolation und Luftverschmutzung kann das Alzheimer-Risiko beeinflussen. Neuere Studien deuten darauf hin, dass eine Impfung gegen Gürtelrose das Alzheimer-Risiko verringern kann. Dies könnte mit einer Stärkung des Immunsystems zusammenhängen.

Fragen und Antworten

In der anschließenden Fragerunde werden verschiedene Aspekte diskutiert, darunter die Alzheimer-Erkrankung bei Affen, die Zulassung von Medikamenten in Europa, die Rolle von Kokosfett in der Ernährung, der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Forschung, die Möglichkeit von Bluttests zur Früherkennung, die Entwicklung von Impfstoffen gegen Alzheimer und die Frage, ob Viren eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen könnten.

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