Kurze Zusammenfassung
Der Vortrag von Professor Dr. Michael Hüter befasst sich mit dem Zustand der deutschen Wirtschaft in einer sich verändernden Weltlage. Er argumentiert, dass wir uns in einer Zeit des doppelten Epochenbruchs befinden, in der die automatische Annahme der Marktöffnung und die standardsetzende Rolle des transatlantischen Westens in Frage gestellt werden.
- Ende einer 80-jährigen Phase der Marktöffnung.
- Verlust der standardsetzenden Rolle des transatlantischen Westens.
- Wettbewerb imperieller Ansprüche und die Notwendigkeit für Europa, eine neue Rolle zu finden.
Einleitung
Die deutsche Wirtschaft war über Jahrzehnte in stabile Rahmenbedingungen eingebettet, doch diese Verlässlichkeit steht heute zur Disposition. Die veränderte Weltlage hat unmittelbare Folgen für die deutsche Wirtschaft, für Industrialisierung, Handel, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. Professor Dr. Michael Hüter wird sich mit der Frage beschäftigen, wie die Lage der deutschen Wirtschaft unter diesen Bedingungen zu bewerten ist.
Geopolitische Veränderungen und der doppelte Epochenbruch
Im Jahr 2005 wäre es undenkbar gewesen, über Geopolitik zu sprechen, doch heute ist dies aufgrund tiefgreifender Veränderungen notwendig. Der Begriff "doppelter Epochenbruch" bezieht sich auf das Ende einer 80-jährigen Phase der Marktöffnung und die Erkenntnis, dass der transatlantische Westen nicht mehr standardsetzend für die Welt ist. Die USA erleben strukturelle Verschiebungen, die sich in einer nachlassenden Aufstiegsversprechen und einer veränderten Binnenwanderung zeigen. Die politischen Parteien sind homogener geworden, was die Kompromissbildung erschwert.
Das Ende der Europäischen Moderne
Der transatlantische Westen zerlegt sich selbst und verliert damit seine standardsetzende Rolle für die Welt. Europäische Konflikte, Regeln und Standards sind nicht mehr selbstverständlich relevant. Dies markiert das Ende der Europäischen Moderne, die vor 200 Jahren begann. China präsentiert ein Gegenmodell mit einer autokratischen Struktur und wachsender ökonomischer Macht. Die Metropolen der Welt orientieren sich nicht mehr am europäischen Stadtmodell.
Prioritäre Risikothemen und Demografie
Die Wahrnehmung der prioritären Risikothemen hat sich von Klimawandel und Extremwetter zu Cyberattacken, Wirtschafts- und Finanzkrisen sowie Desinformationskampagnen verschoben. Die Demografie spielt eine entscheidende Rolle, insbesondere in China, wo das Erwerbspersonenpotenzial bis Ende des Jahrhunderts um die Hälfte sinken wird. Dies zwingt China zu massiven Investitionen in KI und Produktivitätssteigerung. Europa und China müssen Kapital exportieren, während Länder mit junger Bevölkerung Kapital anziehen müssen. Subsahara-Afrika hat jedoch Schwierigkeiten, Kapital anzuziehen.
Das Ende eines Hegemons und die Welt der Ungewissheit
Das Ende der europäischen Moderne bedeutet auch den Abschied eines Hegemons. Das unipolare Moment nach dem Kalten Krieg führte zu einer Drucksituation, da ein einzelner Hegemon überfordert sein kann. Der freie Handel hat nicht automatisch zu Demokratie geführt. Wir treten in eine Welt unglaublicher Unsicherheit ein, für die es keine versicherungsmathematischen Grundlagen gibt. Historische Erfahrungen zeigen, dass der Wegfall eines Hegemons lange Auswirkungen hat. Die USA wollen nicht mehr alleine die globale Ordnung aufrechterhalten, was eine Veränderung der Finanzressourcen erfordert.
Wettbewerb imperieller Ansprüche und Geopolitik
Wir erleben einen Wettbewerb imperieller Ansprüche zwischen den USA, Russland und China. Geopolitik fängt zu Hause an, und das, was wir geopolitisch erleben, ist ein Spiegel der strukturellen Bedingungen in den jeweiligen Gesellschaften. Autokratische Regierungen lehnen demokratische Regeln ab und leugnen die Legitimität politischer Gegner. Gesellschaften empfinden eine starke Polarisierung.
Die veränderte Weltwirtschaft und neue Abhängigkeiten
Die Idee von Thomas Friedman, dass die Welt flach ist, muss abgeschrieben werden. Die veränderte Weltlage greift die Substanz unserer traditionellen ökonomischen Argumente an. Wir haben Abhängigkeiten im Bereich der Rohstoffe, die wir kaum im Griff haben. Jede Energieproduktion setzt Dinge voraus, die wir nicht alleine haben. Wir betreiben bereits Derisking, aber es ist nicht leicht zu kompensieren. Neue Abhängigkeiten entstehen, wenn chinesische Automobilfirmen hier investieren. John Maynard Keynes und Albert O. Hirschman haben bereits frühzeitig die Probleme von Asymmetrien im Handel thematisiert.
Die Potenziale Europas
Europa hat das Potenzial, eine führende Rolle in der Welt zu spielen. Trump hat leichtsinnigerweise eine Einfallstor geöffnet, indem er den Dollar als Leitwährung in Frage gestellt hat. Der Euro könnte als politisches und ökonomisch relevantes Machtinstrument etabliert werden. Europa sollte Liquidität nicht nur für die Eurozone, sondern für die Welt bereitstellen und Eurobonds anbieten. Die europäischen Regulierungen im Bereich Daten sind ein ähnlicher Ansatz, um die nationale Souveränität zu sichern. Europa muss die Integration weiter vorantreiben und sich als verlässlicher Partner anbieten.
Fragen aus dem Publikum
In der Fragerunde wurden verschiedene Aspekte des Vortrags diskutiert, darunter die Rolle Chinas, die Aussichten für die nächste Generation, die Einführung von Eurobonds und die Bedeutung der europäischen Integration. Professor Hüter betonte die Notwendigkeit, kritische Debatten zu führen und politische Risiken einzugehen, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

